Die Wellentaucherin – Mein erster Surfkurs

Die Sonne wärmte meine Haut, während ich ungeduldig vor dem Eingang des Hotels stand und jedes vorbeifahrende Auto beobachtete. Ich sollte bereits vor 10 Minuten zu meinem Surfkurs für Anfänger abgeholt werden. Was, wenn ich sie nicht erkennen würde und sie weiterfahren würden? Ich biss mir nervös auf die Lippe.

Ein lautes Hupten zog meine Aufmerksamkeit auf einen alten, dreckigen Transporter. Ein älterer Herr winkte mir von der Fahrerseite aus zu und bedeutete mir, ins Auto zu steigen. Ich näherte mich dem Wagen, in dem bereits einige andere junge Menschen saßen und quetschte mich zu ihnen auf die Rückbank. Wir fuhren nur wenige Minuten – Gott sei Dank, denn der Sitzgurt war, wie vieles andere an diesem Auto auch, defekt. Mein innerer Sicherheitsbeamter schrie, während ich ein steinernes Lächeln auf meine Lippen zauberte und hoffte, dass man mir mein Unwohlsein nicht anmerkte.

Als wir am Ort des Geschehens ankamen, schälten wir uns aus dem Wagen und… Wurden von einem jungen Gott empfangen. Schlank, aber muskulös, mit langen Haaren, die auf seine gebräunte Brust fielen, strahlte er uns mit einem Zahn-Pasta-Lächeln an. Wir strahlten zurück – eingenommen von der geballten Schönheit und der Energie, die er ausstrahlte. Genau so stellte ich mir die Surfer aus Film und Fernsehen vor. Mein strahlendes Lächeln hielt nicht lange an – der junge Surf-Gott begann nämlich, die Surfboards aus dem Frachtraum des Wagens zu verteilen und hielt mir das größte von allen hin. Mir. Dem Mädchen, das mit Abstand die Kleinste der Gruppe war. Aber ich nahm es als Herausforderung und klemmte mir das Board unter den Arm wie alle anderen. Nur, dass es so groß war, dass meine Arme nur bis zur Hälfte reichten und es bald anfing, zu rutschen. Mit beiden Armen balancierte ich es letztendlich auf dem Kopf zum Strand – was mir mitleidige Blicke der anderen Teilnehmer einbrachte.

Am Strand angekommen, stürzten wir uns in die Wellen. Die sehr kleinen Wellen. Unser Lehrer schien gar nicht glücklich über die Gegebenheiten zu sein und schubste uns in jede noch so kleine Erhebung des Wassers, damit wir üben konnten. Mir war immer bewusst, dass ich ein eher theoretischer Lerner bin. Die knappe Einweisung reichte nicht aus, damit ich verstand, was ich tun sollte. Und so wurde ich immer wieder von noch so kleinen Wellen verschluckt.
Eine Welle überrollte mich mit voller Kraft. Sie zog mich unter Wasser und in Richtung Strand. Als ich mich hustend aufrichtete, kam bereits die nächste – und diese brachte eine Überraschung mit: Das Surfboard einer anderen Teilnehmerin – und diese hing sogar noch dran! Das Board traf mich mit derartiger Wucht am Kopf, dass es mich wieder unter Wasser zog. Ich stöhnte. Ein stechender Schmerz durchzog meine Stirn und ich bekam Panik. Meine Lungen und Hände brannten von dem vielen Salzwasser und als ich mich aufrichtete rang ich mit dem Bewusstsein. „Ich darf nicht umkippen, ich darf nicht umkippen…“ sagte ich mir wie ein Mantra in Gedanken vor. Mit wackligen Beinen lief ich zum Strand.

Ich hatte keine Lust mehr. Ich hatte Angst, mir war kalt und meine Hände taten weh. Wie sehr ich es bereute, mich für diesen Kurs angemeldet zu haben! Einige Momente vergingen, in denen ich einfach da stand und den anderen zusah. Der Gedanke an das friedliche Meer und die anderen, die genauso struggelten wie ich, machte mir Mut. Das hier war meine Chance, zu lernen. Und die würde ich nutzen. Ich schnappte mein Board und lief erneut den Wellen entgegen. Und siehe da – mit dem neu gewonnenen Mut schaffte ich es sogar, aufzustehen! Sogar mehrmals!

Die Surfstunde war als ein voller Erfolg. Auch wenn meine Finger noch einige Tage rot und wundgerieben waren und bei jeder Berührung schmerzten, war ich unglaublich stolz auf mich, dass ich mich getraut habe und auch, als ich alles hinschmeißen wollte, dem Ganzen eine Chance gegeben habe. Und meine schmerzenden Finger erinnerten mich noch lange daran, wie mein Mut jede noch so kleine Welle an diesem Tag besiegt hat.

Erinnerungen an Okinawa

Ich war bereits einmal in Japan. Ich glaube, ich war damals 15 Jahre alt. Ich erinnere mich kaum, aber es fühlte sich an wie ein wahr gewordener Traum. Heute sind es nur noch Erinnerungsfetzen, die von diesem Traum übrig geblieben sind.

Ich erinnere mich an den Flug. Besser gesagt: an das Flugzeug-Essen. Wie mir damals die Stewardess ein warmes Tuch in die Hand gedrückt hat und an meine Verwirrung, was ich damit tun sollte. An das Essen, das mir bei anderen Flügen wie eine breiige Pampe erschien, dieses Mal aber frisch und gesund war. Und an das Eis zum Nachtisch, das in einem roten Pappbecher serviert wurde. Ich weiß nicht mehr, ob es Vanille- oder Karamellgeschmack war, aber bis heute zaubert mir der Gedanke an dieses Eis ein Lächeln ins Gesicht.

Ich erinnere mich an unsere Unterkunft mit einem Badezimmer, das wie ein kleines Onsen wirkte. Aus der gefliesten Wand ragten niedrige Wasserhähne, mit denen wir uns wuschen, bevor wir uns in einem Becken entspannten. Schon damals erschien mir dieses Bad als sehr luxuriös und auch heute noch denke ich an diesen Raum zurück und wie ich jedes Bad darin genossen habe.

Ich erinnere mich an einen Strand voller Muscheln und Korallen, deren bunt gesprenkelte Schönheit im Gegensatz zu den spitzen Kanten standen, die sich bei jedem Schritt in meine Fußsohle gebohrt haben.

Ich erinnere mich an den Besuch eines Sushi-Restaurants. In meinem jugendlichen Leichtsinn freute ich mich auf gerollten Reis mit Gemüse und schaute skeptisch, als mir roher Fisch serviert wurde. Trotzdem verschlang ich ihn todesmutig in einem Bissen – was sich im Nachhinein als Fehler herausstellte. Obwohl ich das Häppchen vorher in Sauce ertränkt hatte, schmeckte es mir überhaupt nicht und der Fisch blieb mir im Hals stecken. In dem Moment, in dem mein Körper ein Würgreiz erfasste, rief der Reiseleiter mit einem:“3, 2, 1 – Cheese!“ zum Gruppenfoto auf und ich versuchte, über die Situation hinweg in die Kamera zu lächeln.

Ich erinnere mich an eine Übernachtung in einer herzlichen Gastfamilie, die die handtellergroßen Mückenstiche auf mir im Handumdrehen heilen konnten und an schleimiges Natto zum Frühstück.

Leider sind meine Erinnerungen mit den Jahren verblasst. An das meiste erinnere ich mich nicht einmal mehr. Woran ich mich aber erinnere: Wie dringend ich zurück möchte und dieses faszinierende Land am anderen Ende der Welt weiter kennenlernen möchte.

Regen über den Niagara-Fällen

„Du solltest da hingehen. Du wirst zwar enttäuscht sein, aber du musst es einmal gesehen haben.“ Egal, wen meiner Reisebekanntschaften ich von meinen Zweifeln bezüglich eines Besuchs der Niagara-Fälle erzählt habe – alle sagten sie dasselbe.

Bereits als Kind war ich besessen von Wasserfällen. Für mich waren Sie DAS Wunder der Natur und der Inbegriff von Schönheit. Besonders die Niagara-Fälle, einer der wasserreichsten Wasserfälle der Welt, haben es mir angetan. Stellt euch meine Bestürzung vor, als ich erfahren habe, dass neben dem Wasserfall eine Stadt erbaut wurde! Mein 10-jähriges ich war am Boden zerstört. Wie konnten Menschen so etwas wunderbares nur durch Betonklötze zerstören wollen?

Und so verschwand jedes Verlangen, dieses Naturwunder der Moderne sehen zu wollen. Auch der Zuspruch meiner Reisebekanntschaften stieß bei mir auf Widerstand. Ich wusste doch bereits, was mich erwarten würde. Wozu sollte ich dafür noch Zeit und Geld investieren? Und dennoch… Nach ein paar Tagen in Toronto gab ich nach und buchte mir ein Busticket.

Ich wurde auf einem großen Parkplatz irgendwo im Nirgendwo abgesetzt. Kein Wasserfall in Sicht. Hm. Ausgeschildert war er auch nicht. Nahe des Parkplatzes verlief ein Fluss. Ich entschied mich, diesem zu folgen – und betete, dass ich in die richtige Richtung lief und nicht noch weiter vom Wasserfall weg. Der Weg zog sich.

Nach 10 Minuten entdeckte ich etwas am Horizont. War es ein Vogel? War es ein Flugzeug? Oder war es ein gigantischer Wasserfall? Es war definitiv zu früh, das mit Bestimmtheit sagen zu können.

Weitere 15 Minuten vergingen und ich spürte erste Tropfen auf meiner Haut. Regen? Bei strahlend blauem Himmel? Ich lief weiter. Der Nieselregen blieb. Und da, in weiter Ferne, erhaschte ich einen ersten Blick auf die Wasserfälle. Und soll ich euch etwas sagen? Es verschlug mir den Atem. Schon aus dieser Entfernung wirkten sie einfach nur majestätisch.

Je näher ich kam, umso mehr Menschen traf ich an. Und sie drängten alle in eine Richtung. Als ich endlich am Ort des Geschehens angekommen war, stand ich an einem Geländer direkt neben dem Abgrund. Wie hypnotisiert starrte ich minutenlang die Massen an Wasser an, die mit einem lautstarken Tosen in die Tiefe stürzten. Dieser Ort war der Himmel auf Erden. Ich wusste sofort: Ich wollte nie wieder hier weg.

Mit dem Rücken zur Stadt fiel mein Blick ausschließlich auf diese rohe Naturgewalt, die sich direkt vor mir erstreckte. Mir wurde schnell klar: Ich wollte mehr. Ich musste noch näher heran.

An einem Schalter ergatterte ich ein Ticket für eine Bootsfahrt – dieses fuhr bis auf wenige Meter an die Wasserfälle heran. Beim Einsteigen erhielt jeder von uns ein knallrotes Regencape, das uns vor der Nässe schützen sollte. Dann ging es los. Das Regencape kämpfte tapfer, verlor aber den Kampf gegen die Wassertropfen. Ich betrat das Boot trocken und voller hibbeliger Vorfreude – und verließ es frisch geduscht und mit dem größten Grinsen im Gesicht.

Bis heute ist mein Besuch der Niagara-Fälle meine schönste Urlaubserinnerung. Sie erinnert mich daran, wie das Leben voller Überraschungen steckt. Auch wenn man ganz nüchtern denkt, man weiß, was als nächstes passiert, überrascht es einen mit unverhofften und einzigartigen Momenten – wenn man ihm eine Chance gibt.