Regen über den Niagara-Fällen

„Du solltest da hingehen. Du wirst zwar enttäuscht sein, aber du musst es einmal gesehen haben.“ Egal, wen meiner Reisebekanntschaften ich von meinen Zweifeln bezüglich eines Besuchs der Niagara-Fälle erzählt habe – alle sagten sie dasselbe.

Bereits als Kind war ich besessen von Wasserfällen. Für mich waren Sie DAS Wunder der Natur und der Inbegriff von Schönheit. Besonders die Niagara-Fälle, einer der wasserreichsten Wasserfälle der Welt, haben es mir angetan. Stellt euch meine Bestürzung vor, als ich erfahren habe, dass neben dem Wasserfall eine Stadt erbaut wurde! Mein 10-jähriges ich war am Boden zerstört. Wie konnten Menschen so etwas wunderbares nur durch Betonklötze zerstören wollen?

Und so verschwand jedes Verlangen, dieses Naturwunder der Moderne sehen zu wollen. Auch der Zuspruch meiner Reisebekanntschaften stieß bei mir auf Widerstand. Ich wusste doch bereits, was mich erwarten würde. Wozu sollte ich dafür noch Zeit und Geld investieren? Und dennoch… Nach ein paar Tagen in Toronto gab ich nach und buchte mir ein Busticket.

Ich wurde auf einem großen Parkplatz irgendwo im Nirgendwo abgesetzt. Kein Wasserfall in Sicht. Hm. Ausgeschildert war er auch nicht. Nahe des Parkplatzes verlief ein Fluss. Ich entschied mich, diesem zu folgen – und betete, dass ich in die richtige Richtung lief und nicht noch weiter vom Wasserfall weg. Der Weg zog sich.

Nach 10 Minuten entdeckte ich etwas am Horizont. War es ein Vogel? War es ein Flugzeug? Oder war es ein gigantischer Wasserfall? Es war definitiv zu früh, das mit Bestimmtheit sagen zu können.

Weitere 15 Minuten vergingen und ich spürte erste Tropfen auf meiner Haut. Regen? Bei strahlend blauem Himmel? Ich lief weiter. Der Nieselregen blieb. Und da, in weiter Ferne, erhaschte ich einen ersten Blick auf die Wasserfälle. Und soll ich euch etwas sagen? Es verschlug mir den Atem. Schon aus dieser Entfernung wirkten sie einfach nur majestätisch.

Je näher ich kam, umso mehr Menschen traf ich an. Und sie drängten alle in eine Richtung. Als ich endlich am Ort des Geschehens angekommen war, stand ich an einem Geländer direkt neben dem Abgrund. Wie hypnotisiert starrte ich minutenlang die Massen an Wasser an, die mit einem lautstarken Tosen in die Tiefe stürzten. Dieser Ort war der Himmel auf Erden. Ich wusste sofort: Ich wollte nie wieder hier weg.

Mit dem Rücken zur Stadt fiel mein Blick ausschließlich auf diese rohe Naturgewalt, die sich direkt vor mir erstreckte. Mir wurde schnell klar: Ich wollte mehr. Ich musste noch näher heran.

An einem Schalter ergatterte ich ein Ticket für eine Bootsfahrt – dieses fuhr bis auf wenige Meter an die Wasserfälle heran. Beim Einsteigen erhielt jeder von uns ein knallrotes Regencape, das uns vor der Nässe schützen sollte. Dann ging es los. Das Regencape kämpfte tapfer, verlor aber den Kampf gegen die Wassertropfen. Ich betrat das Boot trocken und voller hibbeliger Vorfreude – und verließ es frisch geduscht und mit dem größten Grinsen im Gesicht.

Bis heute ist mein Besuch der Niagara-Fälle meine schönste Urlaubserinnerung. Sie erinnert mich daran, wie das Leben voller Überraschungen steckt. Auch wenn man ganz nüchtern denkt, man weiß, was als nächstes passiert, überrascht es einen mit unverhofften und einzigartigen Momenten – wenn man ihm eine Chance gibt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert