Der Geschmack des Abschieds

Die Eiswürfel klirrten im Pappbecher, doch mit dem Zen eines Ninja hielt ich meinen Kaffee ruhig, während ich meinen Koffer auf das Kofferband hievte. Verdammt. Warum hätte ich nicht tollpatschiger sein und meinen Kaffee verschütten können? Nein, jetzt war es zu spät. Wenn ich den Becher nun fallen lassen würde, wäre es nicht länger glaubhaft… Ich schulterte meine Tasche.

Nächster Stopp: Sicherheitskontrolle. Und da durfte man keine Getränke mitnehmen. Wie schade… Mit einem seligen Lächeln folgte mir John in Richtung Sicherheitsbereich.

Ich kannte ihn zwar erst seit einer Woche, aber er war einer der freundlichsten und hilfsbereitesten Menschen, die ich jemals getroffen habe. Getroffen haben wir uns auf einer Ranch im verschneiten Hudson Bay. Er machte dort mit seinen Freunden Urlaub und hatte großen Spaß daran, uns Helfer einzuladen, eine Fahrt auf seinem Schneemobil auszuprobieren.

Er war ein lustiger Kerl mit einem ansteckenden Lachen. Als ich dringend eine Mitfahrgelegenheit nach Saskatoon brauchte, bot er sich sofort an – sein Urlaub war vorbei und er fuhr mit seinem Kumpel zurück zu seiner Familie. Als er erfuhr, dass mein Flug erst am nächsten Tag ging, beschloss er, dass ich im Gästezimmer seiner Familie übernachten durfte. Und nicht nur das – er stellte mir diese große Familie beim abendlichen Steak-Essen vor. Sie alle waren unfassbar herzlich und nahmen mich mit offenen Armen und offenem Herzen auf. Es war ein lustiger Abend und ich fühlte mich sehr wohl, denn man spürte deutlich die Liebe zwischen allen. Trotzdem wälzte ich mich nachts im Bett herum. Zwischen Plüsch und Häkeldeckchen fiel es mir etwas schwer, die Augen zuzumachen – war es doch ein fremder Mann, bei dem ich übernachtete. Egal, wie nett er war. Aber die Nacht verlief ereignislos und am Morgen wurde ich von John mit Donuts und eisgekühltem Kaffee von Dunking Donuts überrascht. Wieder wollte er kein Geld von mir annehmen und er bestand darauf, mich zum Flughafen zu fahren und mich so weit zu bringen, wie er durfte – um sicher zu sein, dass ich sicher ankam.

Und hier standen wir nun. Ich mit einem Liter kalten Kaffee in der Hand, drehte mich mit einem Lächeln um und meinte: „Tja, Getränke darf ich leider nicht mitnehmen, John. Aber vielen Dank dafür – war sehr lieb, dass du mir das Frühstück gekauft hast.“ John lachte herzlich. „Wir haben doch noch viel Zeit! Lass uns dort auf die Bank setzen und du trinkst in Ruhe deinen Kaffee aus.“ Ich setzte ein tapferes Lächeln auf. „Stimmt, du hast Recht.“ Ich folgte ihm mit hängenden Schultern und setzte mich neben ihn. Ich spürte seinen erwartungsvollen Blick auf mir. Zögernd nahm ich einen Schluck. Dabei versuchte ich mir mein schlechtes Gewissen nicht anmerken zu lassen. John, der mich im Gästezimmer übernachten ließ, weil er fand, dass eine Nacht am Flughafen zu gefährlich sei. John, der mich zum Abendessen mit seiner Familie einlud und kein Geld von mir annehmen wollte. John, der mir einen Pullover seiner Firma geschenkt hat und dem ich versprechen musste, diesen Pullover zu tragen und dabei immer an seine Familie zurück zu denken. John, der mich mit Frühstück überrascht hat. Wie konnte ich es übers Herz bringen, diesem Menschen mit dem Herzen aus Gold zu sagen, dass ich keinen Kaffee mag? Alleine bei dem Geschmack zog sich alles in mir zusammen. Aber ich kämpfte. Für John. Weil ich ihm zeigen wollte, wie sehr ich alles schätzte, was er für mich getan hat. Schluck für Schluck würgte ich die braune Brühe herunter und versuchte mit allen Mitteln, den verführerischen Blicken des Abfalleimers neben der Bank auszuweichen. John selbst redete freudig über die tolle Winterzeit in Kanada und seine Abenteuer mit dem Schneemobil. Ich konnte nur nicken. Bald war auch der letzte Tropfen aus dem Becher, als John sich erhob. Mit einem letzten Lächeln drehte er sich zu mir um und meinte:“ Das war’s. Komm gut nach Hause und melde dich gern.“ In diesem Moment wurde mir klar, dass es jetzt vorbei war. Meine Zeit in Kanada war vorüber. „The Land Of Living Skies“ würde mich so schnell nicht wieder sehen. Und all die Menschen, die hier lebten, auch nicht. Ich verabschiedete mich mit einer Umarmung und lief dann durch die Sicherheitskontrolle. Irgendwann würde ich wieder kommen. Irgendwann.

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